Olivas Garten

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Als sie von einem Anwalt benachrichtigt wird, dass ihre Großmutter Oliva ihr einen Olivengarten an der kroatischen Küste hinterlassen hat, will die Erzählerin diesen Brief zunächst einfach ignorieren. Ihre Großmutter ist schon seit achtzehn Jahren tot, und ihren Töchtern – darunter die Mutter der Erzählerin - ist es nicht einmal gelungen, sich über das Schicksal des Familienhauses in Vodice zu einigen, das nun - allem touristischen Aufschwung zu Trotz - langsam verfällt.

Die Sehnsucht nach dem Süden beginnt an der Erzählerin zu nagen. Sie lebt in Deutschland, sie ist mit einem deutschen Mann verheiratet und hat sich eigentlich damit abgefunden, dass im Norden Europas die Sonne nicht oft scheint und die Menschen nicht viel vom Essen verstehen und auch ansonsten wenig leidenschaftlich sind, dafür aber alles geregelt und geordnet ist.

Die kroatische Küste war im Zweiten Weltkrieg drei Jahre lang Schauplatz eines erbitterten Widerstands der lokalen Bevölkerung gegen die italienische Besatzungsmacht. Nach der Kapitulation Italiens beeilten sich die deutschen Truppen, die Küste ihrer Herrschaft zu unterwerfen, was zu einem – von den Tito-Partisanen und britischen Verbündeten organisierten – Exodus der zivilen Bevölkerung nach Italien und nach Ägypten in die Wüste von Sinai führte.

Rezensionen und Interviews: WDR 5 _ Scala, Funkhaus Europa, Domradio, Paperblog, Die Presse, Der Tagesspiegel, DER SPIEGEL, daStandard.at, Standard, Lesart, Fixpoetry, Hrvatski Glas Berlin, Deutsche Welle, literaturkritik.de, Jutarnji list, Vijenac

Die beiden jüngeren Tanten der Erzählerin waren in El Shatt, ihre älteste Tante war in Santa Cesarea in Italien, während ihre Mutter im letzten Augenblick vom Boot gesprungen und nach Hause geflohen war. Allerdings gab es kein Zuhause mehr für sie, da ihr Vater irgendwo mit seiner Partisaneneinheit in den Bergen kämpfte und ihre Mutter in ein Lager gebracht wurde, während Großmutter Paulina noch nicht aus dem Lager in Rom, in das die Italiener sie geschickt hatten, zurückgekehrt war.

alida bremer olivas garten openDas Eintauchen in die kaum verarbeitete Geschichte des Landes, die mit der Familiengeschichte verwoben ist, verläuft parallel zum Versuch der Erzählerin, den geerbten Olivengarten aus den Klauen einer undurchsichtigen Bürokratie zu reißen. Zwischen vielen Mahlzeiten (im Süden werden Familienbeziehungen vor allem an überfüllten Tafeln ausgetragen) und einigen  Reisen, die die Erzählerin in verschiedene Städte an der kroatischen Küste, auf Inseln und auch nach Italien führen – an Orte, die in der Familiengeschichte eine wichtige Rolle spielen -, meldet sich immer wieder die auf ihrer Ottomane liegende Großmutter Oliva zu Wort – nicht mit ihrer Stimme, die verstummt ist, sondern mit ihren Gedanken, dem Fluss ihres Bewusstseins.

Der Roman spielt sich auf drei Ebenen ab: Einer fiktionalen, in der wir der Erzählerin auf ihrer Suche folgen, einer poetischen, auf der sich die Großmutter Oliva in ihren Träumen und Gedanken, die sie mit der mediterranen Pflanzenwelt ausschmückt, verliert, und einer faktischen, auf der die historischen Ereignisse präsentiert werden. Die Fakten trägt die Erzählerin zusammen, indem sie ihre Verwandten befragt, Bücher und alte Zeitungen liest und an jene Orte reist, von der ihre Mutter und ihre Tanten erzählt haben.

Während die historische Dimension immer deutlicher wird, scheint die Gegenwart immer undurchsichtiger zu werden, und die Erzählerin schwankt zwischen dem Wunsch, für immer im Süden zu bleiben, und dem Gefühl, dass sie doch nach Deutschland gehört. Gleichzeitig entwickelt ihr pragmatischer Mann Pläne zur Bewirtschaftung des Olivenhains. Er glaubt an das neue Europa, in dem das blutige zwanzigste Jahrhundert zwar zur gemeinsamen Geschichte gehört, die heutige Perspektive aber stärker ist.